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Filmmusik, Musikproduktion & Dokumentation

Cinema - Kino für die Ohren: Matthias Keller: Das Gesicht zur Stimme

Stars and Sounds:  Filmmusik - die dritte Kinodimension

Aus dem Inhalt

Spielarten der Filmmusik

"Für mich ist jede neue Filmmusik zunächst ein intuitiver Akt. Erst wenn ich mich hinsetze, um konkret zu werden, kommt die rationale Ebene, das Handwerkliche ins Spiel. Unerträglich finde ich allerdings, was manche Leute im nachhinein in meine Filmmusiken und deren mutmaßliche Entstehung hineininterpretieren." (John Barry, Filmkomponist)

Kreative Prozesse lassen sich im allgemeinen nur schwer kommunizieren. Dies gilt insbesondere für den Bereich Musik, da diese, wie an anderer Stelle bereits besprochen, stark mit unserem Unterbewußtsein, unserer "Nachtseite" korrespondiert. Entsprechend schwer tun sich die meisten Filmkomponisten, sobald sie Aussagen über das Zustandekommen dieses oder jenes Themas, dieser oder jener Harmoniefolge oder Instrumentierung machen sollen, die im Resultat vielleicht sogar als "genialer Einfall" in die Annalen der Filmmusikgeschichte eingehen. Ob Morricones Mundharmonika-Thema in Spiel mir das Lied vom Tod, Elmer Bernsteins packender Orchestersound zu Die glorreichen Sieben, Nino Rotas Trompetenthema in Der Pate oder jenes, das John Williams zu Schindlers Liste kreierte: die Versuchung, im nachhinein etwas in diese Musiken hineinzugeheimnissen und sich zu Spekulationen über die Absichten des Komponisten hinreißen zu lassen, ist denkbar groß. Es ist übrigens dieselbe, die aus Beethovens cis-moll-Klaviersonate die sogenannte "Mondscheinsonate" machte und in seiner "Fünften" immer neu das Schicksal an die Türen pochen läßt. Eben weil auch hier ein bildhaftes Erklärungsmodell allemal griffiger ist als die Einsicht, dass kreative Prozesse auch eine unergründliche Seite haben könnten.

"Ich meine: wie viele Klavierkonzerte hat Mozart geschrieben? Jede Menge; ich habe sie eins nach dem anderen durchgehört, sie über die Jahre studiert. Und Schubert und einige der Lieder von Joseph Haydn. Einfach, um mich in die entsprechende Zeit hineinzuversetzen."(Patrick Doyle, Filmkomponist, über die Musik zu Sinn und Sinnlichkeit)

Mag sein, dass ein Komponist wie Patrick Doyle sich ganz bewußt an die großen Vorbilder der jeweiligen Epoche anlehnt, in der der Film spielt. Mag sein, dass er im Fall von Sinn und Sinnlichkeit unüberhörbar Mozarts Klavierkonzerte zurate zog und noch so manches romantische Werk zwischen Strauss und Puccini: wie er indes auf die konkrete Themengestalt kam, und was ihn wohl dazu bewog, in der Arie "Weep you no more, sad fountains" einen schier nicht endenwollenden musikalischen Gefühlsstrom freizusetzen - das liegt selbst für den Komponisten im Dunkeln. Auf der anderen Seite ist da die berechtigte Neugierde des Kinogängers und Musikliebhabers, der gerne Genaueres wüßte.

Da hier jedoch nicht eine neue Flut von "Mondscheinsonaten" und "Schicksalssinfonien" konstruiert werden soll, und da der Hauptanspruch an die Filmmusik ihr dramaturgisches Funktionieren ist, soll letzteres im Zentrum des folgenden Kapitels stehen. Es geht von der Wirkungsweise verschiedener Filmmusiken aus, wobei sich der Autor durchaus die Freiheit nimmt, diese oder jene persönliche Assoziation zu äußern. Die hierbei vorgenommene Unterteilung in dramaturgische "Schubladen" ist keineswegs als starr anzusehen. Sie ist vielmehr ein Gliederungsversuch, der zugleich einige der praktischen Aufgabestellungen zur Sprache bringt, denen sich ein Filmkomponist zu stellen hat: "Atmosphären schaffen" - "Erzählzusammenhänge verdeutlichen" - "Widersprüche erzeugen". Daß eine Musik dabei oft mehrere Kriterien gleichzeitig erfüllt, liegt in der Mehrwertigkeit von Musik schlechthin begründet. Es kann deshalb kaum verwundern, wenn sich ein und dasselbe Beispiel in verschiedenen Rubriken wiederfindet; etwa Howard Shores Soundkollage zu Das Schweigen der Lämmer, die sowohl unter der Rubrik "Irrational machen" wie "physiologisch konditionieren" sinnvoll erscheint; oder Bernard Herrmanns berühmte Frühstücksmontage aus Citizen Kane, deren kommentierende Wirkung nicht minder mustergültig ist als ihr Effekt hinsichtlich filmischer Erlebniszeit ("Zeitempfindung relativieren").

Die Auszüge aus dem Buch stehen mit freundlicher Genehmigung des Verlages bereit. Unerlaubter Nachdruck + Vervielfältigung sind strafbar. Matthias Keller © 1998 - 2007
 

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