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Cinema - Kino für die Ohren: Matthias Keller: Das Gesicht zur Stimme

Printmedia: Eine Auswahl von Beiträgen zu Filmmusik und Filmkomponisten

Gegen den Hollywood-Strich

Der Filmkomponist Elia Cmiral und seine Musik zu "Stigmata"

Filmkomponisten mit Charisma scheinen selten geworden zu sein im großen Filmgeschäft. Wo früher Namen wie Korngold, Rózsa oder Newman das Image einer ganzen Zunft prägten - auf durchaus eigenwillige Weise -, herrscht heute stromlinienförmiges Outfit vor. Elektronisch aufgepeppte Filmscores, deren Urheber häufig genug kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

Elia Cmiral in seinem Studio

Dass man seinen Namen nicht nur in Hollywood falsch ausspricht, daran hat sich Elia Cmiral (sprich: Smirál) längst gewöhnt. Schließlich entstammt er jenem Teil der Kulturwelt, deren Existenz jahrzehntelang hinter dem sprichwörtlichen "Eisernen Vorhang" verborgen war, kaum wahrgenommen in der westlichen Hemisphäre, wenngleich ein Gutteil des Musikerbes von dort kommt - insbesondere, wenn man das Vokabular amerikanischer Filmmusik betrachtet. "Ich bin in der heute so genannten Tschechischen Republik aufgewachsen. Meine Mutter war Schauspielerin, mein Vater Theaterdirektor, und mein Großvater war Professor am Prager Konservatorium. So kam ich schon frühzeitig mit Musik und Theater in Berührung. Die ersten Stücke habe ich im Auftrag meines Vaters fürs Theater geschrieben - und von der Theatermusik zum Film ist es wirklich nur noch ein kleiner Schritt."

Gewichtiger hingegen war für Cmiral jener Schritt, zu dem er sich 1980 entschloss. Denn damals, nachdem er bereits am heimischen Konservatorium Musik studiert hatte, kehrte er der Heimat den Rücken und wanderte nach Schweden aus. Aus politischen Gründen. Er lernte Schwedisch, begann ernsthaft zu komponieren, sich mit Klavierspielen durchzuschlagen und arbeitete sich innerhalb der nächsten zehn Jahre an die Spitze der schwedischen TV-Komponisten empor. Neben Musiken für zahlreiche Spiel- und Dokumentarfilme schrieb Cmiral auch Ballettmusiken und arbeitete für das Königliche Dramatische Theater in Stockholm.

Tschechien - Schweden - Los Angeles: drei Anläufe für eine Karriere

"Wenn ich heute auf meine Entwicklung zurückblicke, kommt mir mein bisheriges Leben vor wie eine Kette ungewöhnlicher Ereignisse: alles, angefangen von meiner Emigration 1980 bis hin zu meiner ersten Begegnung mit Amerika, wie ich meine Frau kennenlernte (sie ist Japanerin) und wie ich schließlich in den USA Fuß fasste. Da gab es keinen einflussreichen Onkel, der mir geholfen hätte. Es war vielmehr alles auf rätselhafte Weise schicksalhaft. Ich hatte einfach Glück, die richtigen Entscheidungen zu treffen."

In diesem Sinne ist Cmiral ein Fatalist mit Leib und Seele. Einer, der nicht an pure Zufälle glaubt, der allerdings auch weiß, dass einem die Dinge nicht einfach in den Schoß fallen. Schon gar nicht in Hollywood.

"In diesem Business musst du viel Ausdauer mitbringen. Das ist nicht wie in anderen Berufen: du studierst, kriegst irgendwann deinen Job und das war's dann. Als Filmkomponist fängst du eigentlich immer wieder von vorn an. Dieses Metier ist ziemlich dynamisch - nicht, wie wir es als Europäer gewohnt sind. Du triffst ständig neue Leute, Leute, die dir vielleicht neue Türen öffenen, musst dir permanent deinen eigenen Weg suchen. Aber das motiviert. Musikalisches Talent ist nur ein Teil von alledem. Es ist sozusagen die Grundvoraussetzung. Gleichzeitig musst du lernen, flexibel deine Projekte anzugehen. Denn viele Regisseure und Produzenten kommen nicht mit Musikerohren zu dir, und sie können auch nicht theoretisch über Musik diskutieren. Trotzdem musst du auf sie eingehen können, mit ihnen kommunizieren - und dabei den eigenen Enthusiasmus nie verlieren, deine eigene Perspektive für den jeweiligen Film."

Wie das gehen kann, selbst bei einem Newcomer, bewies Cmiral an seinem "Erstling" Ronin, einem Thriller mit Jean Reno und Robert de Niro in den Hauptrollen. Denn dieser, ganz in der Tradition vorangegangener French Connection-Klassiker stehende Streifen, beinhaltet über die typischen Action-Szenen hinaus, auch einige ungewöhnliche Musikstellen. Schon Cmirals melancholisches Hauptthema, gespielt auf einem südslawischen "Duduk", verrät etwas über Herkunft und Intentionen des Verfassers. Und der legt vor allem Wert darauf, sich zu unterscheiden, sich abzusetzen von der Einheitssoße "made in Hollywood".

"Wenn du mich fragst, warum ich hier bin, wie ich es bis hier geschafft habe - in einem Business, das nur so strotzt vor Konkurrenz: weil mein Stil unverwechselbar ist. Erstens bin ich nicht in Amerika aufgewachsen zwischen Seifenopern und TV-Schund. In Prag habe ich mich offengestanden kaum interessiert fürs Fernsehen, bin also kein Disney-Konsumkind. Zweitens habe ich einen seriösen Background in meiner europäischen Kultur, in tschechischer und deutscher Musikliteratur wie Brahms, Dvorak, Beethoven oder Mozart. Klar habe ich als Teenager auch Rockmusik gemacht, aber aufgewachsen bin ich doch in einem Umfeld, das mir sehr solide Grundlagen mitgegeben hat, musikalisch wie literarisch. Kurzum: meine einzige Karte hier in Hollywood ist, einzigartig zu sein und zu bleiben."

Aus diesem Grund arbeitet Cmiral auch mehr oder weniger als Einzelgänger. Zwar zieht auch er gelegentlich Orchestratoren hinzu und Leute, die ihm beispielsweise das Notenmaterial einrichten für die Aufnahmen im Studio. Doch das meiste entsteht bei ihm im Einmannbetrieb. Das geht soweit, dass Cmiral sogar auf die mittlerweile in jedem Team anzutreffenden Synthesizer-Programmierer verzichtet. Und das, obwohl diesbezüglich eine Menge passiert in seinen Scores. "Sämtliche Elektronik in meinen Scores wie Ronin, Stigmata oder Six Pack habe ich selbst gespielt. Ich weiß, dass es da, besonders in Hollywood, Synthesizer-Freaks gibt, die Unglaubliches leisten; die zum Beispiel auch für Größen wie Maurice Jarre arbeiten. Ich kenne sogar einige persönlich. Aber was dann passiert, ist, dass sie mir den gleichen Sound in mein Studio bringen, dieselbe Art von Sounddesign. Und genau das würde mich in den Mainstream-Sog hineinziehen, was ich nicht will."

So beschränkt sich Cmiral auf die erwähnten Orchestratoren, die er aus reinen Zeitgründen für unverzichtbar hält. Denn Musik erdenken und sie praktisch zeitgleich für die Aufnahmesessions zu organisieren, sind zweierlei. Und oft ist der Zeitdruck viel zu groß, als dass eine Person allein diesen Arbeitsanfall bewältigen könnte.

Das System als Feind des Systems

"Es gibt wohl nirgends auf der Welt ein vergleichbar perfektes System wie hier in Hollywood. Aber darin liegt eben zugleich auch die Begrenzung, nämlich im System selbst. Das stammt teilweise noch aus den 30ern und 40ern, der Zeit der sogenannten music departments. Damals hatte jedes Studio seine eigene Abteilung mit Ko-Komponisten, Kopisten, Arrangeuren und eigenem Orchester. Was geblieben ist von damals, als positive Seite, sind die Leute, die dir helfen, dich als Komponist auf das Wesentliche zu konzentrieren und schlichtweg rechtzeitig fertig zu werden mit deinen vielen Einzel-Cues (Musikschnitten). Ronin etwa hat 74 Minuten Musik, die ich in knapp sechs Wochen fertig hatte. Unmöglich, ohne die Unterstützung anderer. Du könntest es rein physisch gar nicht schaffen, die komplette Orchestrierung in Reinschrift anzufertigen. Also, dafür ist ein Orchestrator wertvoll, denn er garantiert einfach, dass dein Material bei der Aufnahme perfekt vorbereitet ist. Aber jetzt zu der negativen Seite dieses Systems. Und die besteht eben genau darin, dass heute auch Personen mit höchst mittelmäßigen Einfällen - aber mit guten Verbindungen - Filmmusik machen können. Man spielt einfach ein paar Ideen-Schnipsel per Computer ein und gibt es einem fähigen Orchestrator. Oder man pfeift überhaupt nur eine Andeutung von Melodie und lässt sie dann von anderen ausarbeiten. Derartige Fälle habe ich selbst miterlebt, wo zum Beispiel jemand - ein renommierter Filmkomponist - vier oder fünf Noten aufs Papier gekritzelt hat mit dem Vermerk "make ist big". Sowas ist einfach peinlich; sich vorzustellen, dass man in einem Business mitmischt, in dem selbst mittelmäßige Schreiberlinge äußerst erfolgreich sein können. Ich persönlich versuche daher, die positiven Seiten dieses Systems zu nutzen, zur Wahrung der eigenen Integrität."

Seinen offiziellen Debütfilm Ronin verdankt Cmiral ebenfalls einem schicksalhaften Zufall. Denn Jerry Goldsmith war zunächst von MGM auserkoren worden, die Musik zu schreiben. Doch Goldsmith musste aus Zeitgründen zurückziehen, und so ging man an die Suche nach einem ebenbürtigen Ersatz. Der Film selbst war bereits, wie so häufig, fertig geschnitten: ein Star-Aufgebot an Schauspielern, und ein Star-Regisseur namens John Frankenheimer. Nur die Musik fehlte.

"Im Grunde habe ich diesen Job einem Mann zu verdanken: Seth Kaplan, dem Chef des music departments von MGM. Denn er hatte die Courage, einen Noname-Komponisten mit auf die Empfehlungsliste zu setzen, die aus lauter hochdekorierten Oscar-Preisträgern bestand. Frankenheimer rief mich also an, wir trafen uns, sahen uns gemeinam den Film an, und ich schlug vor, ihm ein Demo zu machen, so wie ich mir die Eröffnungsmusik vorstellte. Das Resultat muss ihm wohl gefallen haben, denn er gab mir die Chance."

Inzwischen hat auch Ronin seinerseits wieder Früchte getragen, und zwar in Gestalt einer französischen Nachfolge-Produktion mit dem Titel Six Pack. Etwa zeitgleich stellte sich ein drittes Großprojekt mit dem Titel Stigmata ein. Letzterer, seit kurzem auch in deutschen Kinos zu sehen, ist ein mystischer Thriller in der Tradition von "Der Exorzist" oder "Das Omen". Mit dem Unterschied, dass es in Stigmata, mit Gabriel Byrne in der Hauptrolle des katholischen Paters Andrew Kiernan, um die Konfrontation mit dem leibhaftigen Guten geht, nämlich Jesus Christus selbst und seine Botschaft an die christliche Nachwelt. Diese manifestiert sich durch verschiedene "Medien", die Stigmatisierten, zu denen auch die Friseurin Frankie Paige (Patricia Arquette) zählt. Abgesehen davon, dass der Ausgang des Films etwas flau ist, beinhaltet der Plot als solcher eine Menge anregenden Materials.

Was die Tonspur betrifft, so ist Stigmata vom ersten bis zum letzten Bild vollgepumpt mit Klängen, teils als sogenannte "source music" aus der Szene heraus (Popsongs), teils in Gestalt von Cmirals eigentlicher Filmscore, mitunter auch in Vermischung beider Elemente und gespickt mit zusätzlichen durchaus drastischen soundeffects.

"Wenn ich jemandem die Musikliste zeige, wundern sich die Leute immer über soviel Musik in einem so begrenzten Zeitraum. Das liegt daran, dass tatsächlich vielfach Score und Songs gleichzeitig spielen oder direkt ineinander übergehen - weil man einfach Angst hatte, den Zuschauer auch nur einen Augenblick lang in ein Loch fallen zu lassen, den Rhythmus zu verlieren."

Der Rhythmus von Stigmata ist in der Tat rasant, ebenso wie die geballte akustische Ladung, die da auf das Publikum - ein bisschen nach dem Muster "Sieben" - einstürmt. Da kommen Cmirals Klänge, sein sensibles Klavierthema, seine raffinierten Vokal-Arrangements fast etwas kurz.

Bezeichnend aber auch hier, wie er an das Projekt heranging.

"Im Unterschied zu Ronin oder Six Pack wartet Stigmata mit einer echten Botschaft auf. Und ich erinnere mich, wie ich damals, zwischen Ende November '98 und Januar '99, daran gearbeitet habe. Meine Familie habe ich über Weihnachten nach Japan geschickt und mich total verbarrikadiert in meinem Studio. 18 Stunden Arbeit jeden Tag und Essen nur per Pizza-Service. Insbesondere das aramäische Skript mit den Jesusworten hatte es mir angetan, und Frage, wie man alldas integriert in Elektronik, 80-Mann-Orchester, Percussion und Sounddesign. Ziel war es eben, zu einer Verschmelzung dieser Elemente zu kommen."

Wer jedoch Cmirals Stigmata-Score auf CD hören will, der sieht sich mit dem inzwischen fast alltäglichen Problem konfrontiert, dass zwei verschiedene "Soundtracks" zum Film kursieren: derjenige mit der Song-Kompilation von Billy Corgan (Virgin) und derjenige mit der eigentlichen Filmmusik (Entrada). Denn auch das gehört mittlerweile zu den Spielarten des Mainstream-Films: Musik wird erst dann vom breiten Publikum wahrgenommen, wenn sie einen prominenten Hauptdarsteller hat.

Matthias Keller

Biografie Elia Cmiral

Elia Cmiral wurde als Sohn einer Schauspielerin und eines Theaterdirektors in Prag geboren. 1975 bis 1979 studierte er am Prager Konservatorium Komposition und Kontrabass, spielte ferner Schlagzeug und Gitarre als Hobby. 1980 emigrierte Cmiral nach Schweden. Dort etablierte er sich als Komponist für Fernsehen, Film und Theaterbühne. Sein erster international beachteter Film war Martin Donovans Apartment Zero (1988). 1994 ließ sich Cmiral endgültig in Los Angeles nieder, um dort eine Karriere als Filmkomponist zu starten. Nach Anfängen im Bereich TV (u.a. für die CBS-Serie Nash Bridges mit Don Johnson) erhielt Cmiral 1998 den Auftrag, zu John Frankenheimers Ronin die Musik zu schreiben. Sie trug ihm, als erstem Preisträger überhaupt, den "Movieline young Hollywood Award" ein. Es folgten die Projekte Six Pack (Regisseur: Alain Berberian) und Stigmata unter der Regie von Rupert Wainwirght. Zur Zeit arbeitet Cmiral an einem neuen Projekt mit John Travolta in der Hauptrolle, Titel "Battlefield Earth" (Regie: Roger Christian)

Matthias Keller

Soundtracks Elia Cmiral

  • Ronin
    Varèse Sarabande VSD-5977

  • Stigmata (Score)
    Intrada ECCD 1000
    (zu beziehen über: Tarantula Records, Hamburg)

  • Stigmata (Song Compilation)
    Billy Corgan
    Virgin 847753-2

Februarheft 2000

 

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